Festrede

von Kurt Günther zur Einweihung des Clubhauses Zeppelinstr. 193 im Jahr 1981


Verehrte Gäste, liebe Tanzsportfreunde, meine Damen und Herren,

wenn der Tanz Turnier Club Mülheim a. d. Ruhr e. V. heute in Gegenwart von Gästen offiziell seine Tanzsport Trainingsstätte in Gebrauch nimmt - weniger gestelzt ausgedrückt: wenn wir als Club heute eine Fete feiern aus Freude darüber, daß wir endlich ein angemessenes und sportgerechtes Zuhause haben - dann gestatten Sie mir bitte, kurz auf den Weg zurückzuschauen, der zum heutigen Tag geführt hat.

Tanzen als Sport ist in Mülheim eine verhältnismäßig junge Sparte in der breiten Palette der Sportarten, die z. T. ein geradezu ehrwürdiges Alter aufweisen und seit langem publikumswirksam betrieben werden. Die Geschichte des Amateurtanzsports als Vereinssport hat in unserer Stadt dagegen erst am 11. August 1968 mit der Gründung unseres Clubs, des TTC, begonnen. Einige Zeit später entstand als zweiter Club der TSC Imperial". Damit hatte es sich auch schon - und hat es sich heute noch.

Am Anfang war es eine kleine Gruppe von tanzsportbegeisterten Paaren, die vornehmlich als aktive Tänzer dem Club das Gepräge gaben. Ab Anfang der 70er Jahre kamen peu à peu Paare hinzu, die Tanzen nicht als Leistungssport, sondern im Rahmen des Breitensports im Interesse ihrer Gesundheit und zur eigenen Freude betreiben wollten.

Die Entwicklung unserer Mitgliederzahl blieb gleichwohl unbefriedigend. Sie überschritt mühsam die 100er-Grenze und erreichte nie die Zahl 200. Heute liegt sie bei knapp 140. Das ist nicht umwerfend und um so unverständlicher, als doch in den letzten 10 Jahren das Interesse am Tanz, besonders bei Ehepaaren mittleren Alters, stark gestiegen ist. Soweit ich das sehe, können jedenfalls die Tanzschulen seit Jahren über mangelnde Nachfrage nicht beklagen. In Weiterbildungseinrichtungen wird Tanzen als Hobby für die Freizeit angeboten.

Das Fernsehen hat durch übertragung großer Turniere zur Popularität des Tanzsports beigetragen. Wir kommen aber nicht auf Mitgliederzahlen, die eine gesunde wirtschaftliche Basis für das Clubleben bieten und den Sockel für unsere, das Tanzen als Leistungssport betreibenden Paare abgeben. Die Mitglieder des TTC sind sich mit dem Vorstand seit Jahren einig, daß das Grundübel für die unbefriedigende Entwicklung bisher vor allem darin bestand, daß wir nicht über einen Trainingsraum verfügten, der den sportlichen Anforderungen gerecht wurde und uns ausreichend und regelmäßig zur Verfügung stand. Wir waren als Club ständig auf der Wanderschaft. Da gab es zeitweilig Gaststättensäle in der Stadthalle und im Handelshof sowie Räume in kirchlichen Gemeindezentren mit für den Tanz mehr oder weniger geeigneten Böden, die aber in zeitlich nicht ausreichendem Maße von uns genutzt werden konnten. Zudem mußten wir natürlich immer zurückstehen, wenn der Hausherr seine Räumlichkeiten selbst brauchte. Das störte die notwendige Regelmäßigkeit des Trainings erheblich.

Das Sportamt gab sich alle Mühe, uns stundenweise Training in Turnhallen und Schulräumen zu ermöglichen - wir waren und sind sehr dankbar dafür - aber auch das war nur zeitlich begrenzt möglich und z. T. gab es Probleme mit den Böden. In den letzten Jahren waren wir im Altenhof zu Gast. Ein alter, nicht mehr voll funktionstüchtiger Saal stand uns zur Verfügung. Es war abzusehen, daß er nur noch kurze Zeit zu nutzen war. Inzwischen ist er unbrauchbar geworden und als Versammlungsstätte behördlich nicht mehr zugelassen.

Hinzu kamen bei diesem Dauerzustand immer wieder Mißhelligkeiten mit den Eigentümern, Verwaltern bzw. Hausmeistern- wie das so geht. Und wo sollten wir Turniere für unsere Leistungssportler durchführen? (Für unsere Gäste, soweit sie nicht sachkundig sind: Gemeint sind reine Sport-Turniere ohne gesellschaftliches Rahmenprogramm für alle Startklassen, auch die niedrigsten). Schließlich können wir unsere Turnierpaare nicht nur bei den Turnieren anderer Clubs starten lassen; wir halten uns für verpflichtet, auch unsererseits Turniere zu veranstalten.

So konnte es nicht weitergehen! Eine eigene Trainingsstätte mußte her.

Nach einigen mißglückten Anläufen stießen wir schließlich Ende 1978 auf dieses Gebäude. Der Teil des Anbaus, in dem wir uns heute befinden, war zu vermieten. Es handelt sich um einen ehemaligen typischen Wirtshaussaal, vermutlich um die Jahrhundertwende errichtet, wie ihn die älteren unter uns, als früher zu vielen Gaststätten gehörig, kennen. Solche Säle wurden in den ersten Jahren nach dem Krieg zwar noch für Versammlungen, für übungsstunden - heute würden wir sagen für das Training - von Turnvereinen und auch für Tanzveranstaltungen genutzt, aber - soweit ich mich erinnere - verloren sie in den 50er Jahren an Bedeutung. Viele solcher Säle wurden umfunktioniert. So auch dieser. Er diente als Werkstatt und als Lager; und danach sah er auch aus, als er uns angeboten wurde. An seine ursprüngliche Zweckbestimmung erinnerten eigentlich nur noch die Reste einer kleinen Bühne. Im übrigen: Ein undichtes Dach, wenige vergammelte Fenster, eine große Einfahrt in der Seitenwand, ein holperiger Betonboden und die erbärmlichen Reste einer abgehängten Decke. Es gehörte viel Phantasie dazu, sich vorzustellen, daß aus diesem Torso eine Tanzsporttrainingsstätte werden könnte, und - ich darf wohl sagen - auch einiger Mut, als zahlenmäßig kleiner Verein ein solch langfristig angelegtes Projekt in Angriff zu nehmen.

Im Grunde aber war es, wie ich eben geschildert habe, die Existenzfrage für den Club, die sich uns stellte. So haben wir uns denn entschlossen, das Gebäude für den Rest des 20. Jahrhunderts anzumieten und es auszubauen.

Erste Finanzierungsgespräche mit dem Sportamt, dem Stadtsportbund, dem Landessportbund und der Bezirksregierung eröffneten freundliche Perspektiven, aber auch Forderungen der potentiellen Geldgeber hinsichtlich der Gestaltung der Räumlichkeiten. Was für uns wieder Mehrkosten bedeutete. Ich erinnere mich noch sehr gut an das Gespräch mit Vertretern des Landes und der Stadt, in dem z. B. der Bau eines Sanitärtraktes als unabdingbare Voraussetzung für die Förderungsfähigkeit unseres Vorhabens postuliert wurde. Und wir hatten geglaubt, wir brauchten nur vier Wände, ein Parkett und ein Dach über dem Kopf. Heute muß ich gestehen, daß wir - von den Bau - und Unterhaltungskosten mal abgesehen - durch diese Forderung zu unserem Glück gezwungen worden sind.

Die von unserer Mitgliederversammlung abgesegnete Bauplanung und das Baugenehmigungsverfahren zogen sich über den ganzen Sommer 1979 hin, bis wir endlich Ende Oktober die Baugenehmigung in der Hand hatten. Jetzt ging es an die Finanzierung des Projektes. Mit insgesamt 142.000 DM glaubten wir zurechtzukommen. Das Verfahren wurde von allen zu beteiligenden Stellen sehr zügig abgewickelt. Am 13. Dezember 1979 erteilte uns der Regierungspräsident einen Bewilligungsbescheid über einen Landeszuschuß von 40.000 DM. Das war einerseits das wichtigste Startsignal für unseren Bau, andererseits aber auch eine herbe Enttäuschung, weil wir - nicht unberechtigt - auf eine höhere Förderung gehofft hatten. Wir wurden vor die Alternative gestellt zuzugreifen und uns eine höhere Eigenleistung ans Bein zu binden oder das Projekt auf unbestimmte Zeit zu verschieben. Nicht zuletzt dank der Hoffnungen, die uns das Sportamt bezüglich der Förderung durch die Stadt machte, entschieden wir uns, die Sache anzugehen. Ende Januar 1980 begann die Arbeit und im Oktober waren wir soweit, daß das Training in diesem Hause aufgenommen werden konnte. Zu der Zeit sah es allerdings hier noch nicht so schön aus wie heute.

In der Bauzeit zeigte sich ein großer Teil der Clubmitglieder von einer Seite, die wir voneinander kaum kannten: Es wurde emsig auf unserer Baustelle gearbeitet, von dem einen mehr, dem anderen weniger. Großartige Organisatoren beschafften Material und Werkzeug, Fachleute unter den Clubmitgliedern übernahmen die handwerksgerechte Durchführung bestimmter Gewerke, viele bewiesen ihr Geschick bei der Erledigung von Arbeiten, die sich nicht alle Tage tun, und auch diejenigen, für die körperliche Arbeit nicht alltäglich ist, gingen hier "in die Vollen". Insgesamt sind von Clubmitgliedern rd.3.800 Arbeitsstunden geleistet worden. Das war nicht nur ein wirtschaftlicher Vorteil für das Bauvorhaben, sondern ein Verhalten, dessen ideeller Wert nicht hoch genug veranschlagt werden kann. Es ist zu wünschen, daß dieses "An - einem Strick - Ziehen" den Zusammenhalt der Clubmitglieder auch für die Zukunft fördert, denn wir sind ja noch nicht "am krausen Bäumchen".

Finanziell hat uns nämlich der Bau schließlich doch noch erhebliche Sorgen bereitet. Dass uns die Kosten davonliefen, wenn zwischen Planung und Fertigstellung ein Zeitraum von 1. 1/2 Jahren verstrich, war einer der Gründe. Der gewichtigere war die Tatsache, dass die Herrichtung eines so alten Gebäudes fast täglich neue überraschungen bringt, die nur mit Geld wieder gut gemacht werden können. So stehen wir denn heute vor der Tatsache, dass uns unser Bau (ohne den Wert der Arbeitsleistung und des kostenlos eingebrachten Materials) an barem Geld fast 200.000 DM abverlangt hat. Ergebnis: Der Club hat 88.000 DM Bankschulden und schuldet dem Landessportbund einen zinslosen Kredit von 3o.000 DM. Der Kapitaldienst dafür muss erst einmal aufgebracht werden. Einiges muss hier noch geschehen, z. B. die Herrichtung der Außenanlagen; und die Unterhaltung und der Betrieb des Hauses kosten auch ihren Preis.

Diese Sorgen sollen aber den heutigen Abend nicht belasten. Wir sind hier, weil wir uns miteinander freuen wollen an dem gelungenen Werk, weil wir mit einem gewissen Stolz unseren Gästen zeigen wollen, was hier entstanden ist und daß sie, soweit sie an der Förderung des Baues beteiligt waren, sich für eine gute Sache eingesetzt haben.

Wir haben zu danken dem Sportausschuß des Rates, heute hier vertreten durch die Herren Stadtverordneten Driskes und Specht, für die finanzielle Hilfe, die uns durch die Stadt zuteil geworden ist.

Wir haben zu danken dem Sportamt, vertreten durch die Herren Werner und Cleven, die uns jederzeit mit Ihrem Rat zur Verfügung gestanden haben, und ein offenes Ohr für unsere Sorgen hatten.

Dank sagen wir dem Stadtsportbund, hier repräsentiert durch einige Vorstandsmitglieder, nämlich die Herren Ganz, Schellhöh und Berninghaus. Er hat uns innerhalb der Sportorganisation die Wege geebnet. Besonders hervorzuheben ist dabei die jederzeit hilfreiche Hand von Herrn Berninghaus.

Es gilt außerdem noch einigen Personen zu danken, die unserer Einladung heute Abend leider nicht folgen konnten. Das soll bei nächster Gelegenheit geschehen.

Ich darf schließlich auf den Anfang meiner Ausführungen zurückkommen und der Hoffnung Ausdruck geben, dass mit der Fertigstellung unserer Trainingsstätte der Grundstein für eine gute, eine bessere Entwicklung unseres Clubs und des Tanzsports in Mülheim überhaupt gelegt ist. Wir können und wollen in diesem Hause Aktivitäten entwickeln, die unseren attraktiven Sport auf eine breitere Basis stellen sollen. Dadurch wiederum sollen unseren Turnierpaaren optimale Trainingsbedingungen geboten werden, unsere Breitensportgruppen sollen ihr sportliches Hobby zu zweit" in angemessener Umgebung betreiben können, und unsere Besucher sollen bei Turnieren in ansprechenden Räumen Freude haben an Schwung und Eleganz der tanzenden Paare. Ich setze auf dem Weg zu diesem Ziel auf den Gemeinschaftsgeist aller Clubmitglieder und auf die weiterhin freundliche Unterstützung durch unsere Gäste.